{"id":212,"date":"2011-12-05T16:26:45","date_gmt":"2011-12-05T16:26:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lern-online.net\/blog\/?p=212"},"modified":"2016-03-27T12:57:00","modified_gmt":"2016-03-27T11:57:00","slug":"interview-dario-mohtachem-auslaender-nehmen-keine-arbeitsplaetze-weg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lern-online.net\/blog\/interview-dario-mohtachem-auslaender-nehmen-keine-arbeitsplaetze-weg\/","title":{"rendered":"Interview mit Dario Mohtachem"},"content":{"rendered":"<p>Der Lernblog von Lern-Online.net hat mit Dario Mohtachem, dem Herausgeber von <a href=\"http:\/\/www.migration-business.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">migration-business.de <\/a>\u00fcber\u00a0Chancen und Probleme der Migration, die Rolle der ethnischen Wirtschaft und \u00fcber die Unternehmerkultur in Deutschland gesprochen.<\/p>\n<p><em>Lernblog<\/em>: Herr Mohtachem, stellen Sie sich bitte einmal kurz vor und erz\u00e4hlen Sie uns was migration-business ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dario Mohtachem: migration-business ist das ethnische Wirtschaftsmagazin f\u00fcr Deutschland, das bedeutet: Wir berichten \u00fcber Fach- und F\u00fchrungskr\u00e4fte mit Migrationshintergrund aus den unterschiedlichsten Branchen.<\/p>\n<div id=\"attachment_2241\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/lern-online.net\/blog\/wp-content\/dario.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2241\" class=\"size-medium wp-image-2241\" src=\"https:\/\/lern-online.net\/blog\/wp-content\/dario-300x207.jpg\" alt=\"Dario Mohtachem\" width=\"300\" height=\"207\" srcset=\"https:\/\/lern-online.net\/blog\/wp-content\/dario-300x207.jpg 300w, https:\/\/lern-online.net\/blog\/wp-content\/dario-1024x708.jpg 1024w, https:\/\/lern-online.net\/blog\/wp-content\/dario.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2241\" class=\"wp-caption-text\">Dario Mohtachem<\/p><\/div>\n<p>Kurz gesagt: \u00dcber die ethnische Wirtschaft. Wir pr\u00e4sentieren Einwanderer mit ihren Ideen, Geschichten und Errungenschaften und wollen dadurch mit unserem Magazin aufzeigen, wie wertvoll kulturelle Vielfalt f\u00fcr Deutschland ist. Wir geben dadurch aufstrebenden Unternehmern eine Perspektive, liefern ihnen Vorbilder und unterst\u00fctzen sie mit Karrieretipps auf ihrem Weg.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Lernblog<\/em>: Was sind die wichtigsten F\u00e4higkeiten, die ein Migrant in Deutschland haben muss, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dario Mohtachem: Ich denke, dass Migranten oftmals schon viele wichtige F\u00e4higkeiten mitbringen, vor allem diejenigen die auch \u00fcber Migrationserfahrung verf\u00fcgen. In Deutschland herrscht noch h\u00e4ufig ein Bild des \u201eMigranten\u201c als sozial schwach und als passives Opfer der Gesellschaft. Hier liegt wertvolles Potential brach. Viele Migranten verlassen ihre Heimat, nehmen allerlei Strapazen auf sich und \u00fcberwinden gr\u00f6\u00dfte Belastungen, nur um sich eine bessere Zukunft in Deutschland zu erm\u00f6glichen. Zudem sehen sie sich h\u00e4ufig konfrontiert mit Zuschreibungsprozessen der Mehrheitsgesellschaft. Sie sind daher flexibel, belastbar und haben bereits gelernt mit Problemen umzugehen. Migranten m\u00fcssen aber die gleichen Fertigkeiten mitbringen wie Einheimische, um erfolgreich zu sein. Den Vorteil den viele Migranten mitbringen ist zweifelsfrei die Mehrsprachigkeit. Die Nachteile liegen eher in den Deutschkenntnissen, vor allem bei Menschen, die sp\u00e4t zugewandert sind und in der Qualit\u00e4t der Netzwerke. Die autochthone Bev\u00f6lkerung hat \u00fcber Generationen Netzwerke aufgebaut und gepflegt. Und Netzwerke sind mitentscheidend, wenn es um die Vergabe von Ausbildungs- und Arbeitspl\u00e4tzen geht. Hier gilt es anzusetzen, um viele Migranten wirtschaftlich besser zu integrieren \u2013 man muss wirtschaftliche Netzwerke und Br\u00fccken schaffen, die der heutigen Einwanderungsgesellschaft entsprechen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Lernblog<\/em>: Was muss die Politik in Deutschland machen, damit Migranten nicht in Parallelgesellschaften aufgehen, sondern ein gutes Miteinander zwischen verschiedenen Kulturen bestehen kann?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dario Mohtachem: Die Politik ist bereits auf einem guten Weg: Erst k\u00fcrzlich wurde das Anerkennungsgesetz beschlossen, so dass viele Menschen, die im Ausland einen Abschluss erworben haben, darauf hoffen k\u00f6nnen, dass ihr Abschluss anerkannt wird und sich so neue Perspektiven er\u00f6ffnen. Zudem wurden die H\u00fcrden f\u00fcr Zuwanderer gesenkt: Das Mindesteinkommen wurde von 66.000 auf 48.000 Euro gesenkt, was noch nicht genug ist, aber es geht in die richtige Richtung. Doch die Politik allein kann mit Gesetzen nicht viel bewirken. Es muss auch bei den Menschen vor Ort ankommen. Daher muss die Politik Vereine und Organisationen unterst\u00fctzen, die sich um ein besseres kulturelles Miteinander bem\u00fchen und Br\u00fccken zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft bauen. Kein Gesetz hilft, unabh\u00e4ngig davon wie gut es gemeint ist, wenn Menschen nicht wirtschaftlich teilhaben k\u00f6nnen. Daher haben wir migration-business gegr\u00fcndet: Viele Probleme haben einen wirtschaftlichen N\u00e4hrboden: \u201eDie Ausl\u00e4nder nehmen uns die Arbeitspl\u00e4tze weg!\u201c oder \u201edie liegen uns doch nur auf der Tasche!\u201c sind falsche Aussagen, denen wir durch unsere Berichterstattung zu entgegnen versuchen. Aber nicht nur das Aufzeigen hilft weiter: Wir brauchen auch die Unterst\u00fctzung der Politik: Das Ziel der Politik sollte sein, Menschen in Besch\u00e4ftigung zu bekommen und mehr Menschen mit Migrationshintergrund partizipieren zu lassen. Durch die Wahlberechtigung werden Menschen motiviert, sich mit politischen Inhalten auseinanderzusetzen und durch das Arbeitsleben treten Menschen unterschiedlicher Herkunft in Kontakt zueinander. Durch den interkulturellen Austausch zwischen Einheimischen und Einwanderern k\u00f6nnen neue Ideen und Innovationen entstehen, die Deutschland bereichern und die Wirtschaft ankurbeln. Das muss die Politik erkennen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Lernblog<\/em>: Planen Sie f\u00fcr ihr Online-Magazin ein extra Ausgabe f\u00fcr Tablet-PCs bzw. Smartphones oder\/und planen sie auch eine\u00a0Printausgabe zu verwirklichen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dario Mohtachem: Wir haben zun\u00e4chst als Onlinemagazin gestartet, da wir seit Jahren erkennen k\u00f6nnen, dass immer weniger Menschen Printmedien konsumieren. Stattdessen werden soziale Netzwerke, Onlinemedien und Apps interessanter in der Zukunft und besonders von jungen Menschen h\u00e4ufiger genutzt. Es ist also durchaus m\u00f6glich, dass wir in naher Zukunft eine App oder extra Ausgabe f\u00fcr Smartphones erstellen. Das Printmagazin ist aktuell noch nicht in Planung, auch wenn wir es nicht ausschlie\u00dfen wollen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Lernblog<\/em>: Halten Sie Deutschland f\u00fcr ein unternehmerfreundliches Land f\u00fcr Migranten?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dario Mohtachem: Ich denke, dass Deutschland auf einem guten Weg ist: An verschiedenen Universit\u00e4ten wie beispielsweise der FU Berlin werden \u201eBusiness-Plan\u201c-Wettbewerbe durchgef\u00fchrt und Studenten werden auf ihrem Weg in die Selbstst\u00e4ndigkeit unterst\u00fctzt. Mikrokreditinstitute und beispielsweise die IBB-Bank in Berlin vergeben Kredite an Menschen, die eine Idee haben und sich versuchen selbstst\u00e4ndig zu machen. Dar\u00fcber hinaus gibt es noch viele Beratungsstellen f\u00fcr Existenzgr\u00fcnder. Trotz allem kann ich Deutschland noch nicht als Unternehmer-\u201efreundlich\u201c bezeichnen. Selbstst\u00e4ndigen werden noch h\u00e4ufig zu viele Steine in den Weg gelegt. Man muss Genehmigungen an verschiedensten Stellen einholen und wird demnach \u00fcberw\u00e4ltigt von deutscher B\u00fcrokratie. Besonders Menschen, die nach Deutschland einwandern, verf\u00fcgen meist nicht \u00fcber ausgezeichnete Deutschkenntnisse und m\u00fcssen sich zudem in einem neuen System einfinden. Sie fragen sich: \u201eWarum muss ich mich hier und da anmelden, obwohl ich doch nur mein Gesch\u00e4ft er\u00f6ffnen und mich wirtschaftlich bet\u00e4tigen will?\u201c Viele erkennen noch immer nicht den Beitrag der Unternehmer f\u00fcr das Gemeinwesen: Sie schaffen Arbeits- und Ausbildungspl\u00e4tze, geben vielen Menschen eine Perspektive und zahlen Steuern, die zur Alimentierung der deutschen Sozialkassen beitragen. Wir sollten Unternehmer und Existenzgr\u00fcnder mehr wertsch\u00e4tzen: Sie investieren Zeit, Geld und Anstrengung, um sich aus eigener Kraft etwas aufzubauen und ihre Tr\u00e4ume zu verwirklichen, was wiederum vielen anderen Menschen langfristig zu Gute kommt. Sie sitzen nicht da, sondern \u201eunternehmen\u201c etwas.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Lernblog<\/em>: Viele Migranten sind Fl\u00fcchtlinge wie Umweltfl\u00fcchtlinge, Klimafl\u00fcchtlinge und Wirtschaftsfl\u00fcchtlinge. Was k\u00f6nnen die Deutschen tun, damit sich die Fl\u00fcchtlinge von den Strapazen in ihrem Heimatland befreien und sich in Deutschland wie zu Hause f\u00fchlen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dario Mohtachem: Ich habe einige Personen getroffen, die als Fl\u00fcchtlinge nach Deutschland gekommen sind und sich heute erfolgreich eine Existenz aufgebaut haben. Sie hatten jedoch anfangs hart zu k\u00e4mpfen. Fl\u00fcchtlinge, die einer Diktatur entflohen sind, kamen in den demokratischen Rechtsstaat Deutschland. Doch eine rechtstaatliche Demokratie fanden sie hier nicht vor. Die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben bleibt Fl\u00fcchtlingen meist untersagt. Es ist durchaus verst\u00e4ndlich, dass Menschen ohne deutschen Pass anfangs von einigen Privilegien eines Staatsb\u00fcrgers ausgeschlossen werden k\u00f6nnen. Doch sie auch g\u00e4nzlich vom Arbeitsleben und grundlegenden Rechten auszuschlie\u00dfen, ist fatal. Die Menschen, die in Deutschland aufgewachsen sind, k\u00f6nnen sich oftmals nicht vorstellen, wie es in den Herkunftsl\u00e4ndern der Fl\u00fcchtlinge zugeht und begehen ein Verbrechen, wenn sie diese einfach zur\u00fcckschicken wollen oder in Deutschland keine Perspektiven erm\u00f6glichen. Zun\u00e4chst k\u00f6nnen wir in Deutschland versuchen mehr Menschen mit Migrationshintergrund in den Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rden zu besch\u00e4ftigen. Der Alltag in Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rden wurde mir von einigen Menschen beschrieben, die jeden Monat darum bangen mussten, nach Hause geschickt zu werden. Vielen Beamten fehlt es dort an gewisser Sensibilit\u00e4t und interkultureller Kompetenz. Besonders das Wort \u201eWirtschaftsfl\u00fcchtling\u201c finde ich besch\u00e4mend. Es ist v\u00f6llig normal, dass Menschen, die in ihrem Land keine wirtschaftlichen Perspektiven f\u00fcr sich und ihre Familie sehen, sich ein Leben unter besseren Umst\u00e4nden erm\u00f6glichen wollen. Aber meiner Ansicht nach gibt es keine Rechte ohne Pflichten: Migranten, die neu zuwandern, m\u00fcssen ihren Beitrag leisten und versuchen an der deutschen Gesellschaft teilzuhaben. Aber man muss auch von Seiten der Mehrheitsgesellschaft Menschen anderer Herkunft mit einem Grundrespekt und Toleranz begegnen, unabh\u00e4ngig davon, wo diese Menschen herstammen. Es ist immer ein Geben und Nehmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Lernblog<\/em>: Ist es in Planung euer Magazin migration-business in einer anderen Sprache online zu stellen bzw. eure Artikel auf Englisch \u00fcbersetzen \u00a0zu lassen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dario Mohtachem: Wir planen das Magazin k\u00fcnftig auch so weit wie m\u00f6glich in die englische Sprache zu erweitern, da es sich schlie\u00dflich um ein Magazin handelt, das sich mit Migration und internationalen Themen befasst und zudem Kontakte zur diplomatischen Szene Deutschlands pflegt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Lernblog<\/em>: Denken Sie, das Wirtschaftsethik heutzutage noch eine gro\u00dfe Rolle spielt bei dem Handeln deutscher Unternehmer und Unternehmerinnen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dario Mohtachem: Ich hoffe es zumindest. Einseitiges Streben nach Gewinn wird langfristig keinen Erfolg bringen. Soziale Verantwortung und moralische Werte sollten das Handeln der Unternehmer immer begleiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Lernblog<\/em>: Wer wird im 21. Jahrhundert in die Geschichte als Supermacht eingehen, die USA, die Volksrepublik China oder etwa die Europ\u00e4ische Union?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dario Mohtachem: Die Europ\u00e4ische Union tut sich derzeit etwas schwer. Viele schauen nur auf den Preis der Eurokrise, aber vergessen den Wert der EU. Vor allem Deutschland zahlt zwar am meisten in den Topf ein, aber ist auch als Exportnation Nutznie\u00dfer der EU.<\/p>\n<p>Die Menschen halten die Errungenschaften der Europ\u00e4ischen Union f\u00e4lschlicherweise f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich. Europa war eine Region, in der es h\u00e4ufig Kriege gab und sich einige Staaten feindseelig gegen\u00fcber standen. Durch die EU wurde Frieden und Wohlstand nach Europa gebracht. Alle Schritte zur\u00fcck zu klassischen Nationalstaaten sind Schritte in die falsche Richtung. Probleme k\u00f6nnen heutzutage nur noch l\u00e4nder\u00fcbergreifend angegangen werden.<\/p>\n<p>Wer als Supermacht in die Geschichte eingeht, kann ich jedoch schwer sagen. Wir m\u00fcssen aber klar erkennen, dass China bereits zu einem \u201eglobal player\u201c geworden ist, der in der Weltpolitik zunehmend an Einfluss gewinnt und mitmischen wird.<\/p>\n<p>Sollte Deutschland die Vorteile und Bereicherung der Migration entdecken, so ist es m\u00f6glich, dass deutsche Unternehmer zusammen mit Unternehmern aus dem Ausland Joint Ventures eingehen und ausl\u00e4ndische M\u00e4rkte f\u00fcr Deutschland neu entdecken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div><\/div>\n<p><em>Lernblog: Vielen Dank f\u00fcr das Gepr\u00e4ch!<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Lernblog von Lern-Online.net hat mit Dario Mohtachem, dem Herausgeber von migration-business.de \u00fcber\u00a0Chancen und Probleme der Migration, die Rolle der ethnischen Wirtschaft und \u00fcber die Unternehmerkultur in Deutschland gesprochen. 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